Wenn man älter wird, hat das nicht immer nur Nachteile. Man traut sich Dinge, vor denen man sich in jungen Jahren hochgradig geniert hätte. Das sind dann oft Verhaltensweisen, die man bei seinen Eltern damals peinlich fand. Tja, so ändert sich die Wahrnehmung.
Am Sonntagabend jedenfalls machten wir noch eine Runde um den Block, bis ich wie erstarrt vor einer gut gefüllten Biotonne stehenblieb, die bereit zur Leerung am Montagmorgen an der Straße stand. Vorne aus der Klappe lugten nämlich gut sichtbar Krokusknollen in einer äußerst misslichen Lage. Es sah aus, als hätte die grüne Tonne gerade noch Reste ihrer letzten Mahlzeit aus dem großen Maul hängen.
Vor zehn Jahren noch wäre ich sicher vorbeigegangen - was sollen denn bloß die Leute denken? Doch nun überwog der Wille, zum Helden der Krokusse zu werden. Also einmal tief durchgeatmet, kurz umgeschaut, ob auch keine zurückgezogenen Gardinen zu sehen waren, Klappe auf, so viele Pflanzen aufgeklaubt, wie ich tragen konnte und schnell die Klappe wieder geschlossen. Dann besteht die Kunst darin, möglichst selbstverständlich mit der Beute in der Hand von dannen zu schreiten, als wäre Mülltonnenausrauben etwas ganz Alltägliches und ein hübscher Sport für zwischendurch.
Am liebsten wäre ich noch einmal mit einer Tasche zurückgekommen: Die ganze Tonne schien voll zu sein mit Krokussen gemischt mit Gras. Die kleinen Knöllchen waren wohl Opfer eines Rasen-Vertikutier-Massakers geworden. Gegen so ein großes Raubtier hatten sie keine Chance.
Hättet ihr ebenfalls Hand angelegt? Für jedes Grünzeug hätte ich bestimmt nicht zum Äußersten gegriffen, aber bei notleidenden Krokussen sehe ich rot, da kann ich nicht wegsehen. Die grüne Tonne ist doch nun wirklich kein Umgang für die kleinen Blumen. Die wirft man nicht weg, die gräbt man bitteschön wieder ein, wenn man den Rasen zuende massakriert hat.
Aber das kann ja nun ich machen, denn wer nicht will, der hat schon. Die gerettete Handvoll Zwiebeln, teilweise sogar mit gut gefüllten Samenkapseln ausgestattet (die rosafarbenen, länglichen Gebilde auf den Bildern), kommt nun in das Null-Euro-Beet, das bisher ganz krokusfrei sein Dasein fristete.
Die auserwählten Vertikutier-Opfer sind allemal besser als gekaufte Ware: Ich weiß jetzt schon, dass sie sich allem Anschein nach sehr gut vermehren, sie sind robust und tragen unverzüglich zur Vermehrung durch Samen bei. Welche Packung Zwiebeln aus dem Gartencenter kann das schon? Bei der Art tippe ich auf den Elfenkrokus (Crocus tommasinianus). Der ist sowieso mein Liebling und gut für Hummeln und Bienen.
Mir sind aber auch noch andere, große weiße Zwiebeln mit reichlich Kindern in die Hände gefallen (im Bild links zu sehen), die leider keine erkennbaren Blätter mehr haben und stattdessen einen grünen, knospenähnlichen Auswuchs mit Zipfelmütze zeigen. Was das wohl sein kann, ein Ornithogalum vielleicht?
Mir sind aber auch noch andere, große weiße Zwiebeln mit reichlich Kindern in die Hände gefallen (im Bild links zu sehen), die leider keine erkennbaren Blätter mehr haben und stattdessen einen grünen, knospenähnlichen Auswuchs mit Zipfelmütze zeigen. Was das wohl sein kann, ein Ornithogalum vielleicht?
Was auch immer die Rätselzwiebel für eine Art sein mag: Nächstes Jahr werden noch mehr Insekten gut versorgt sein, dank meiner hochnotpeinlichen Rettungsaktion! Manchmal muss man eben Opfer bringen für das große Ganze...


























